Roland Berger: die Bilanz der Kommunikationsexperten

Oltmanns_farbeNun also auch Roland Berger. Anfang Juli hatte die Unternehmensberatung angekündigt, in das Geschäft mit der Kommunikation einzusteigen und ein entsprechendes Kompetenzcenter aufzubauen. Zeit für eine erste Bilanz. brandiz sprach mit Professor Torsten Oltmanns, Berger-Partner und Spiritus Rector der Initiative.

Im Juli dürften in der Kommunikationsbranche einige die Stirn gerunzelt haben: Roland Berger, die deutsche Unternehmensberatung, verkündete, ein neues Kompetenzzentrum für Kommunikation und Content einzurichten. „Executive Communications/Corporate Affairs“ heißt das neue Berger-Kind, dessen Vater Torsten Oltmanns ist, Partner und Global Marketing Director bei Roland Berger in Berlin und London. An der Schnittstelle von Unternehmen, Öffentlichkeit und Politik wollen die Berater strategische Kommunikationsarbeit leisten. Warum aber steigt eine Unternehmensberatung in einen Bereich ein, der von Kreativ- und PR-Agenturen, Digital-, Mediaexperten und sonstigen Dienstleistern dicht besetzt ist? Ein Paper mit dem Titel „Eine Frage der Wahrnehmung“ erklärt, weshalb sich Firmen und Manager künftig unbedingt in Sachen Kommunikation von Roland Berger beraten lassen sollten. Es liegt in der Schriftreihe Think act vor.

Kleine, aggressive Pressure Groups

Die Analyse, die Oltmann darin abgibt, ist nicht unbedingt neu, aber deswegen nicht falsch. Der öffentliche Raum habe sich für Unternehmen in den vergangenen Jahren immer mehr zur Gefahrenzone entwickelt. Nichtregierungsorganisationen, Verbraucherschützer, Spartengewerkschaften, unzufriedene Aktionäre und andere Pressure Groups könnten über die sozialen Medien nach dem David-gegen-Goliath-Prinzip ungeheuren Druck aufbauen. Große Infrastrukturprojekte (Stuttgart 21, Energiewende), aber auch Unternehmen (Deutsche Bahn, Adidas, Lidl) gerieten so regelmäßig in den Schleudermodus. „Neu ist, dass es immer mehr kleine, eher aggressive Gruppen gibt, die durch die Nutzung neuer Technologien sehr schnell Social Power gewinnen“, so Oltmanns gegenüber brandiz.

Diese Auseinandersetzungen können die Unternehmen viel Reputation und Geld und nicht zuletzt Manager ihren Job kosten. Bevor es zu Karriereknick und Kommunikationsgau kommt, wollen Oltmanns und seine Berger-Mannen schon zur Stelle sein. Sprich: Berger will Krisen antizipieren und möglichst entschärfen, bevor sie ausbrechen – ein kühnes Versprechen. „In den Regel treten die großen Skandale an den Schnittstellen auf, etwa wenn Unternehmenswerte und Werte von Stakeholder-Gruppen fundamental aufeinander knallen“, analysiert Oltmanns, der auch Volkswirtschaftslehre und angewandte Wirtschaftspolitik an der Quadriga Hochschule Berlin lehrt. Als klassische Unternehmensberatung ist Roland Berger sehr nah an den Kerngeschäftsprozessen der Unternehmen dran und oft von Anfang an in die Projekte involviert. Neben dem bislang üblichen Besteck hat Roland Berger jetzt auch Kommunikationshilfe im Beraterkoffer – für Oltmanns ein entscheidender Vorteil im Wettbewerb mit anderen Kommunikations- und PR-Agenturen. Denn: Wenn bei einem großen Projekt am Ende eine Agentur für die PR-Verkaufe ins Boot geholt werden soll, sitzt Berger schon drin.

Umsatzerwartungen übertroffen

Ein paar Monate nach Start des neuen Kompetenzcenters ist Torsten Oltmanns überzeugter denn je von seinem Ansatz: „Die ersten 100 Tage zeigen: da ist ein Markt. Unsere Idee stimmt.“ Laut Oltmanns rekrutiert sich die Kundschaft des neuen Kompetenzcenters allein aus Neukunden, die aus den Bereichen Finanzen, Retail, Consumer Goods, aber auch den Verbänden stammen. Der Umsatz liegt bei einem mittleren Millionenbetrag und damit deutlich über den Forecast. Sechs feste Mitarbeiter sind in Sachen Kommunikation dabei, drei bis vier als Freelancer. Für 2016 peilt der Berger-Manager eine Verdoppelung von Umsatz und Mitarbeiterzahl an.

Jetzt ist erst einmal Networking angesagt, etwa unter Kommunikationsagenturen mögliche Kooperationspartner finden. Besonders schwierig scheint es zu sein, geeignete Mitarbeiter zu finden. Kommunikationsexperten sollen sie sein, aber auch „normale“ Unternehmensberatung können – wo Roland Berger draufsteht, soll auch weiter Roland Berger drin sein. Auch im Kompetenzzentrum „Executive Communications/Corporate Affairs“.

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